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Fenster zum Hof – Zum Weltfriedenstag

Wort zum Tage von Barbara Manterfeld-Wormit

Mit dem Krieg ist es wie mit den Pocken: Er hinterlässt Narben. Man kann sie verstecken, man kann sie kosmetisch behandeln, man kann versuchen, sie wegoperieren zu lassen. Eine Spur davon bleibt.
Viele Städte in Deutschland sind vernarbt. Sie tragen die Wunden des Krieges an ihrem Leib. Mühsam verheilt mit den Jahrzehnten, abgetragen, wieder aufgebaut - doch die Haut ist dünner an den betroffenen Stellen, ein bisschen blasser und irgendwie durchsichtig. Manchmal schmerzen die Stellen. Kommt ganz auf die Jahreszeit an. Gedenktage sorgen dann für eine gewisse Empfindlichkeit. Manchmal machen Narben bestimmte Orte erst einzigartig: den Anhalter Bahnhof in Berlin zum Beispiel. Dort steht nur noch eine beschädigte Fassade. Oder die Gedächtniskirche am Breitscheidplatz. Erst die Turmruine machte das Gotteshaus berühmt. Die Ruine als Wahrzeichen der Stadt – als Mahnmal des Krieges und der Versöhnung.
Neben diesen Orten gibt es auch die weniger spektakulären in meiner Stadt. Jeden Tag fahre ich dran vorbei: Ein Haus, dem die Hälfte fehlt. Die seitliche Fassade ist glatt und fensterlos – bis auf eins. Das prangt in der Mitte, seltsam verloren. Ich frage mich, was dahinter für ein Zimmer liegt. In jedem Fall hat der Mensch, der dort wohnt den grünen Daumen: Das Fensterbrett ist voller Blumen. Die leuchten hervor aus dem sonst kahlen Mauerwerk. Sie sorgen für Farbe auf grauer Fassade. Die Pflanzentöpfe haben eine Botschaft: Hurra, wir leben noch! Leben ist möglich, auch wenn es klein anfängt, wieder ganz klein anfangen muss nach Krieg und Zerstörung.
Heute ist Weltfriedenstag. Ich fahre an dem Haus vorbei wie jeden Morgen. Und denke: Wir Menschen begreifen es einfach nicht. Dafür sind Narben da. Sie erinnern an den Schmerz und mahnen zur Vorsicht. Die Kriegsnarben in unseren Städten erinnern jeden Tag an die Sinnlosigkeit des Krieges, der trotz aller leidvollen Erfahrung wieder und wieder herrschen kann. Ich denke an die Menschen, deren Häuser jetzt in Schutt und Asche liegen. Ich ahne, dass – selbst wenn dieser Krieg in der Ukraine eines Tages ein Ende haben wird, doch Narben bleiben an Körpern und Seelen und Häusern. Dass es Jahrzehnte dauern wird, bis sich ein Land und seine Bewohner davon erholen. Dass immer etwas bleiben wird vom Schmerz. Dass aber bei allem auch ein trotziges Fenster bleibt, das bunt und blühend vom Leben kündet: Trotzig. Hoffnungsvoll. Und unverwüstlich.

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